Dass die Windows-10-App zusätzliche Funktionen bekommt, ist richtig. Die versprochene "Feature-Parity" hingegen ziemliches Marketing-Blabla, das vor allem Business-Kunden beruhigen soll.
Neben politischen Hinderungsgründen (Stichwort lokales Speichern, was Microsofts neuer Firmenausrichtung komplett widerspricht) werden auch technische Hindernisse es verhindern, dass die WIndows-10-App alle Features der Desktop-Versionen bekommen wird. So
lässt die UWP-Architektur vieles nicht zu, was native Win32-Apps können, z.B. auf Verzeichnisse anderer Programme schreibend zugreifen. Damit fällt z.B. das "Einbinden" von Excel-Tabellen in eine Notiz und von dort aus Bearbeiten und Änderungen wieder speichern
prinzipbedingt aus. Add-Ins auf COM-API-Basis funktionieren nicht. Das betrifft nicht nur externe Erweiterungen wie Onetastic oder GEM, sondern auch interne, etwa die Outlook-OneNote-Verbindung.
Microsoft wird einiges davon "nachbauen", aber immer auf die Web-API gestrickt. So ist zum Beispiel angekündigt, dass man außer Excel-Tabellen auch Word-Dokumente künftig mit der App in Notizen einbinden kann. Was Microsoft nicht sagt: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
wird die Voraussetzung sein, dass diese Word-Dokumente auf OneDrive liegen müssen (um die zuvor erwähnte Einschränkung beim Speicherzugrff zu umgehen).
Outlook (Desktop, also 2016/2019) wird eine neue Anbindung an OneNote bekommen, die die alte ersetzt. Die wird die Web-API verwenden, also nur Notizbücher auf OneDrive / OneDrive for Business als Ziel erlauben, weniger Optionen haben (z.B. keine Auswahl
bestehender Seiten als Ziel) und andere Einschränkungen. Schon gesehen in einer Insider-Beta.
Ich denke, der Knackpunkt liegt darin, dass die Microsoft-Führung weiterhin keine Möglichkeit gesehen hat, mit OneNote Geld zu verdienen. Ob es in Office enthalten ist oder nicht, dürfte die Umsätze nach Meinung der Administration nicht maßgeblich beeinflussen.
Damit stand es vermutlich erneut (das war sicher schon öfter so) auf der Abschussliste. Diesmal soll der rettende Richtungswechsel (in 2014 war es z.B. die Cloud) eine Fokussierung auf den Educationbereich sein. Daher die "lustigen" Katzensticker, Mathe-Funktionen
und Regenbogen-Tinteneffekte als maßgebliche Neuerungen in der OneNote-App. Ich denke, Produktiv- und Business-Nutzer von OneNote werden als Kollateralschaden abgeschrieben, was aus wirtschaftlicher Sicht wohl nicht so dramatisch ist. Um Reputation hat sich
Microsoft bei solchen Dingen sowieso nie groß Gedanken gemacht. Sie sind groß genug, sich das leisten zu können.
Unterm Strich wird OneNote (die App) nach wie vor ein richtig gutes Notiz- und Info-Sammelwerkzeug sein; von einigen Anwendungen und Workflows, die man von OneNote 201x kennt, wird man sich aber verabschieden müssen. Im Prinzip ist OneNote Windows 10 ein
neuer Ansatz, der viele Zöpfe abschneidet. Viele davon waren aber auch sehr schief gewachsen (halbseidene Tag-Unterstützung, schwache Suchfunktion, viele, viele Bugs). Das größte Problem ist, dass es noch Datenkompatibilität zu bestehenden Notizbüchern braucht.
Daher bleibt die unglückliche Struktur, die zum Beispiel das Freigeben nur kompletter Notizbücher erlaubt, leider erhalten. Hätte das Entwicklerteam mit OneNote tatsächlich von Null anfangen können (wie sie es sicher gerne getan hätten), würde das sicher anders
aussehen.